Frankreich, literatur

Delphine de Vigan. Dankbarkeiten (2020)

Michka Seld scheint in der letzten Zeit alles zu verlieren, alles entgleitet ihr – das macht ihr zunehmend Angst, Albträume plagen sie. Als es zu schlimm wird, zieht sie in ein Seniorenheim, wo sie sich aber nicht eingewöhnen kann. Sie hat nur noch einen Gedanken: Das Ehepaar finden, das sie als Kind vor den Nazis versteckt hat, um sich endlich dafür zu bedanken, dass sie ihr ihr Leben ermöglicht haben.

Als Korrektorin bei einer Zeitung war Michka es gewohnt, mit Worten umzugehen, jetzt gehen ihr diese auf einmal verloren. Sie muss das richtige Wort suchen, häufig ersetzt sie ein Wort einfach durch ein ähnlich klingendes. Zunehmend macht ihr das Angst, sie lebt in dem ständigen Gefühl, etwas Wichtiges finden zu müssen. Albträume plagen sie, in denen ihre Krankheit noch schlimmer ist, die Angst vor ihrem Ende gewinnt mehr und mehr Raum in ihr.

Marie und Jérôme

Schließlich erkennt Marie, das jetzt erwachsene Nachbarskind, um das sich Michka immer gekümmert hat, dass Michka nicht mehr alleine leben kann. Sie zieht um in ein Seniorenheim, wo sich jetzt auch der Logopäde Jérôme um sie kümmert. Anfangs macht er nur Sprachübungen mit Michka, doch diese hat die Fähigkeit, mit kleinen Fragen einen Finger in Jérômes Wunden zu legen, eine Weisheit, die ihn beeindruckt.

Dank

Die Sprachübungen werden für Michka zunehmend anstrengender, gerne verweigert sie sich einfach. Wenigstens hat sie noch ihre Träume, in denen es manchmal wie früher ist, sie eloquent ihre Sache verteidigen kann, in denen sie noch mal Kind sein kann. Michka spürt, dass es nicht nur mit ihren Wörtern zu Ende geht, sondern auch mit ihrem Verstand, was ihr große Angst macht. Ihr letzter Wunsch ist es, dem Ehepaar zu danken, dass sie als Kind versteckt hat. Sie hofft, die beiden jetzt doch noch zu finden, frühere Suchen waren immer im Sande verlaufen. Marie gibt noch einmal Anzeigen auf … Am Ende ist es Jérôme, der Michkas Dank doch noch übermitteln kann.

Eindringlich und zärtlich

Dankbarkeiten erzählt vom Ende des Lebens etwas melancholisch und vor allem sehr zärtlich und eindringlich. Es tut fast weh zu lesen, wie Michka nach Worten suchen muss – das ist richtig gut in Worte umgesetzt, nie wehleidig oder pathetisch oder kitschig, sondern mit einer Art zärtlichem Verständnis. So begegnen Marie und Jérôme der alten Dame und ihrer Krankheit, dabei nicht ohne Schmerz. Am Ende ihres Lebens will Michka endlich noch Danke sagen – nur knapp und auf einem Umweg gelingt das noch. Vielleicht sollten wir alle etwas früher daran denken, uns zu bedanken. Doch mehr als diese Botschaft hat mich persönlich die Darstellung von Michkas Angst berührt, die Verzweiflung angesichts des bevorstehenden unvermeidlichen Verlustes … und trotzdem gelingt Delphine de Vigan ein Roman darüber von zärtlicher Leichtigkeit. Einfach wunderbar! Daran hat ganz sicher auch die deutsche Übersetzung von Doris Heinemann einen großen Anteil – ein Lob und den Dank von mir also an beide!

Delphine de Vigan. Les gratitudes. Paris: Éditions JC Lattès, 2019. | dt. Dankbarkeiten. Köln: Dumont, 2020. Übersetzung Doris Heinemann.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar via NetGalleyDe!

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