England, lieblingsbücher, literatur

Kate Atkinson. Human Croquet (1997)

Im Zentrum dieses Romans steht einmal mehr ein Teenager mit schwierigen bis absonderlichen Familienverhältnissen: Isobel Fairfax. Teils erzählt sie selber aus ihrem Alltag, teils berichtet ein auktorialer Erzähler von Hintergründen und liefert so mal Erklärungen und mal noch mehr kuriose Ereignisse, Parallelen oder Fantastisches.

Nach ihrem gefeierten Debütroman Behind the Scenes at the Museum schrieb Kate Atkinson 1997 mit Human Croquet (dt. Ein Sommernachtsspiel) einen erfolgreichen zweiten Roman. Wieder ist die Protagonistin ein Mädchen – Isobel Fairfax -, wieder stehen die Familienverhältnisse und der Alltag im Zentrum des Romans, wieder erzählt Atkinson detailverliebt und humorvoll von all den Absonderlichkeiten in dieser Familie – aber diese Besonderheiten der Familie Fairfax sind von ganz anderer Natur und reichen weit über die Gegenwart hinaus …

Teenager in sonderbarer Familie

Isobel ist im Hauptteil des Romans Teenager, und zwar ein besonders nachdenklicher und kritischer. Während sie sich mit ihrem Alltag – mit Bruder Charles, Vater Gordon, Stiefmutter Debbie, Tante Vinny und einer fehlenden Mutter -, nach außen hin arrangiert hat, beschäftigt sie immer wieder die Frage, wie weit und an welcher Stelle Schein und Realität auseinanderdriften. Die Samen zu diesen Überlegungen wurden früh gelegt, die Mutter Eliza verschwand und tauchte nie wieder auf, kurz darauf starb Vater Gordon – erschien aber nach sieben Jahren doch wieder, mit „der fetten Debbie“ im Schlepptau, im Haus seiner Mutter. Also ist „tot“ doch nicht entgültig?, fragt sich Isobel. Bestärkt wird sie durch ihre kurzen Ausflüge in die Vergangenheit – existieren die verschiedenen Zeiten also vielleicht parallel? Hat jeder Mensch einen Doppelgänger, der in einer anderen Zeit unterwegs ist? Und was wäre, wenn man bei einer Zeitreise seinen eigenen Doppelgänger trifft?

Fragen an den schönen Schein

In aller Naivität stellt sich Isobel eine Menge Fragen, die größtenteils erst einmal lustig erscheinen, dann aber doch einen neuen Blick auf die Realität ermöglichen oder hinter Fassaden schauen lässt. Viele Ausdrücke nimmt Isobel wörtlich – und leitet daraus geradezu philosophische Fragen ab. Doch bei allem Eifer, die Oberfläche, den Schein zu durchschauen, bleibt Isobel doch oft eher naives Kind und ihre Fragen gehen in eine Richtung, die scheinbar wegführt von der Realität.

Schein und Wirklichkeit oder wirklicher Schein …

Isobels Realität in den 1960er-Jahren leidet unter der abwesenden Mutter – eine eingeschobene Sequenz zeigt, welche Erinnerungen Isobel und ihr Bruder verdrängt haben. Ein Kapitel erzählt von der Vergangenheit der Mutter Eliza – nur um am Ende eine Ergänzung zu liefern, die dann ihre Geschichte doch in einem etwas anderen Licht darstellt. In dieser Art gibt es einige Kapitel, die Ergänzungen zu Isobels Story liefern, Vorfahren werden lebendig, Shakespeare höchstselbst hat mindestens einen Auftritt. Es geschehen Morde – oder passieren sie doch nur in der Fantasie Isobels? Ihr Möchte-gern-Freund stirbt gleich dreimal … Konstante in allem ist eine alte Eiche am nahen Waldrand und Fairfax Manor.

Meisterlich

Human Croquet ist ein Feuerwerk an Fantasie und Sprachkunst, detailreich erzählt, mit vielen interessanten und gut gezeichneten Figuren, humorvoll und lustig, aber auch mit philosophischen Anregungen, wenn man diese aufgreifen möchte. Vorherrschende Themen sind Schein und Wirklichkeit und die unterschiedlichsten Verknüpfungen zwischen diesen beiden. Kate Atkinson erlaubt der Fantasie bunte Eskapaden und schenkt der Leserin ein wunderbares Lesevergnügen: unterhaltsam und mit Tiefe.

Kate Atkinson. Human Croquet. London: Doubleday, 1997.| dt. Ein Sommernachtsspiel. München: Diana, 1998.

Mehr zur Autorin und ihren Werken auf der Autorenseite Kate Atkinson.

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