krimi, Schweden

Lina Bengtsdotter. Annabelle/Löwenzahnkind (2017/2019)

Im kleinen schwedischen Ort Gullspång verschwindet die 17-jährige Annabelle Roos. Sie ist von einer Party nicht nach Hause gekommen, der ganze Ort sucht nach ihr, ohne eine Spur zu finden. Charlie Lager von einer Stockholmer Polizeieinheit wird mit ihrem Kollegen Anders zur Unterstützung nach Gullspång geschickt – obwohl sie nie wieder in diesen Ort zurückkehren wollte, in dem sie aufgewachsen ist.

Der Krimi führt Ermittlerin Charlie Lager gleich passend ein: Nach einer Nacht voller Alkohol findet sie sich am Morgen im Bett eines Mannes wieder, von dem sie kaum noch den Namen weiß. Und dieser Mann kennt weder ihren Namen noch ihren Beruf … der sie an diesem Morgen mit der Nachricht überrascht, dass sie den gerade begonnenen Fall weitergeben soll, um die Ermittlungen zum Verschwinden eines jungen Mädchens zu unterstützen: ausgerechnet in Gullspång.

Kindheit in Gullspång

In dieser kleinen Industriestadt, in der es nicht viele Möglichkeiten gibt, aber jeder jeden kennt, ist Charlie bei ihrer Mutter Betty aufgewachsen. Eigentlich wollte sie nie wieder in den Ort zurückkehren, zu schmerzlich sind scheinbar die Erinnerungen, an denen der Leser nach und nach jetzt auch teilhaben darf. Betty und die kleine Charline haben gemeinsam im kleinen Häuschen Lyckebo gewohnt, wo die Mutter zwischen rauschenden Festen mit viel Alkohol und depressiven Phasen pendelte und sich Charlie um alles kümmern musste.

Annabelle

Wie schon vor zwanzig Jahren Charlie, ihre Freundin Susanne und die damalige Jugend ihre Zeit mit Alkohol und Drogen verbracht hat, so machen es die Jugendlichen in Gullspång immer noch. Im alten Dorfladen, dem bekannten Treffpunkt für allerlei Exzesse, wurde Annabelle zuletzt gesehen, von dort habe sie sich auf den Weg nach Hause gemacht, sagen ihre Freunde aus. Allerdings erinnert sich niemand besonders gut, zu viel Alkohol, zu viel Dope. Auch Annabelle machte hier bei allem mit, obwohl sie eindeutig sehr intelligent ist und in der Schule Bestnoten hat, war sie in der letzten Zeit durch Schwänzen aufgefallen …

Ermittlungen

Bei der Polizei in Gullspång ist niemand besonders erfreut, dass sich jetzt Ermittler aus Stockholm einmischen. Schließlich kenne man sich hier gut – was natürlich auch zur Falle werden kann, wenn niemand sich traut, den Sohn des reichen Fabrikbesitzers ernsthaft zu befragen. Bei allen Erinnerungen, die in Charlie wach werden, kann sie doch den professionellen Blick von außen auf das Geschehen werfen und sie drängt die Beamten vor Ort, immer noch einmal genauer nachzufragen. Und als Psychologin – oder ehemalige Gullspånger Jugendliche? – sieht sie mehr in Annabelle, als die anderen das vermögen. Und so findet sie einige vielversprechende neue Spuren …

Hochklassiges Debüt

Meiner Meinung nach völlig zu Recht ist dieses Debüt der schwedischen Autorin Lina Bengtsdotter so begeistert aufgenommen worden. Der Krimi liest sich unheimlich spannend, sowohl was die Ermittlungen angeht als auch die Rückblicke Charlies. Die Beschreibungen vermitteln ein atmosphärisch dichtes Bild vom Städtchen Gullspång und dem perspektivlosen Leben dort, der Umgebung, dem Haus Lyckebo und Charlies Kindheit; und die Hauptdarsteller sind gekonnt charakterisiert, wenn auch nicht immer sympathisch. Das alles wirkt psychologisch sehr fundiert, die Autorin weiß, worüber sie schreibt.

Ob es sich hier wirklich um einen Thriller handelt, kann man bestimmt diskutieren, eigentlich stelle ich mir darunter auch etwas anderes vor, aber vielleicht ist meine Definition ja nicht mehr up to date? Aber auf jeden Fall ist Annabelle/Löwenzahnkind ein Krimi der Extraklasse, der viel Lob verdient hat!

Lina Bengtsdotter. Annabelle. Stockholm: Bokförlaget Forum, 2017. | dt. Löwenzahnkind. München: Penguin, 2019. (Charlie Lager 1)

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an Random House München!

Mehr zur Autorin und zur Serie auf der Autorenseite Lina Bengtsdotter.

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