literatur, Schottland

Rebecca Wait. Our Fathers (2020)

Windumtoste Inseleinsamkeit, das ist Litta, eine Insel in den Hebriden. Hier kennt jeder jeden – umso schlimmer also für alle, als einer der ihren seine Frau, zwei seiner Kinder und schließlich sich selber erschießt. Gut zwanzig Jahre später kommt der überlebende Sohn Tommy zurück auf die Insel und weckt Erinnerungen.

Als Kinder waren Tommy und sein ein Jahr älterer Bruder Nicky ein Herz und eine Seele, die Insel war ihr Paradies. Allerdings hatten sie schon früh gelernt, dass sie ihren Vater nicht verärgern dürfen … Lieber passen sie mal auf ihre kleine Schwester auf, als dass diese durch ihr Weinen den Zorn des Vaters anfacht. So ist das halt mit Vätern.

Besuch aus der Vergangenheit

Zwanzig Jahre später öffnet Witwer Malcolm die Tür für einen Besucher: Sein Neffe Tommy steht unerwartet vor der Tür. Nach dem Unglück hatte Malcolm den Sohn seines Bruders John aufgenommen, aber schon bald war er umgezogen zu Jill, der Schwester seiner Mutter Katrina. Malcolm hatte ihn aus den Augen verloren, wusste nicht, was aus ihm geworden ist – und auch jetzt weiß er nicht, was Tommy eigentlich auf der Insel will. Erklärungen? Entschuldigungen? Malcolm traut sich nicht wirklich, seinen Neffen zu fragen, und dieser ist auch nicht sehr redselig. Und offensichtlich und verständlicherweise schwer traumatisiert. Sehr zögerlich tasten sich beide voran, wenige Worte, jeder Satz scheint Fallstricke zu enthalten.

Die Schuld des Bruders

Der Text folgt meistens der Perspektive Malcolms, der sich immer noch Vorwürfe macht, dass er sich damals nicht richtig um seinen Neffen gekümmert hat und dass er die Tat seines Bruders nicht vorhersehen konnte. Er erinnert sich an seinen eigenen Vater, der die Familie tyrannisierte. Hat John etwas geerbt? Dabei mochte der Vater immer den praktischen Malcolm lieber als den klugen John. Warum hatte John später als Familienvater überhaupt ein Schrotgewehr, wo er doch nie schießen gelernt hatte? Malcolm lebt schon lange mit dieser Schuld, die jetzt durch den Besuch Tommys wieder wachgerufen wird.

Die Schuld des Sohnes

Tommys Perspektive ist seltener im Roman, doch auch er fühlt sich schuldig. Wieso hat er überlebt und sein Bruder nicht? Wieso hatte er, Tommy, die Mutter kurz zuvor so verärgert, dass diese den Vater provoziert hatte? Wieso hat er seinen Bruder nicht in sein Versteck gelassen an diesem verhängnisvollen Tag? Und wie viel hat er selber von der Gewalttätigkeit seines Vaters geerbt? Die vergangenen zwanzig Jahre hat Tommy ruhelos verbracht, hat versucht, vor sich selber wegzulaufen, natürlich erfolglos. Panikattacken begleiten ihn genauso wie sein Bruder Nicky, den er oft neben sich spürt – immer als Kind natürlich, während er selber erwachsen geworden ist.

Die Frage nach dem Warum

Was Tommy auf der Insel sucht, weiß er selber nicht so genau. Antworten? Hintergründe? Nach einer Trennung wusste Tommy gerade nicht wohin … Bei Malcolm hat er eine Art von Zuhause. Und vielleicht kann dieser etwas erzählen über das Warum oder zumindest ein paar Fakten berichten, die in Tommys Erinnerung ganz anders aussehen. Die übrigen Bewohner der Insel fühlen sich von Tommy an das Unglück erinnert, Mitgefühl ist höchstens vorgetäuscht. Jeder bemüht sich um Normalität und schleicht auf verbalen Zehenspitzen um die damaligen Ereignisse herum, obwohl diese überall im Weg stehen.

Väter und Mütter

Auch wenn Malcolm und Tommy viel über ihre Väter nachdenken, geht es nicht nur um Väter. Denn Tommy erinnert sich auch an seine Mutter, an seine Wut, wenn die Mutter wieder etwas falschgemacht und den Vater provoziert hat … wobei er heute selbst weiß, wie ungerecht er damit war. Was er wohl nicht weiß, erfährt der Leser: Katrina hatte unter ihrer Mutter zu leiden, die die Tochter manipuliert hat, sie eigentlich emotional missbraucht hat. In ihrer Ehe fand sich Katrina nach einigen Jahren in der gleichen Situation wieder … Väter mögen also vielleicht brutaler sein, aber Mütter sind dafür manipulativer, die Kinder leiden und kommen selten ohne einen ersthaften Knacks davon.

Ruhig und irgendwie wortkarg

Rebecca Wait erzählt die Geschichte dieser Menschen auf eine ruhige und karge Weise, wie man sich das Leben von Männern auf dieser Insel vorstellt. Malcolm, der sowieso nie viel redet und ohne seine Frau Heather gar nicht mehr weiß, was man sagen sollte und wie er wichtige Dinge ansprechen sollte. Tommy, der auf der Flucht ist vor seinen Panikattacken, der sich in sich selbst zurückgezogen hat. Hier treffen zwei Männer aufeinander, die beide nicht mit Worten umgehen können und die nur sehr mühsam einen Weg zueinander finden. Teilweise erzählt Wait hier sehr genau vom gemeinsamen Alltag der beiden Männer, teilweise eher im Schnelldurchgang, wie Katrina aufgewachsen ist. Dieser Teil fällt ein bisschen aus dem sonstigen Roman heraus, wirkt eingeschoben – oder nachgeschoben, weil die Mutter doch noch ein wenig Raum bekommen sollte?

Intensiv und mit Nachhall

Auch wenn es in diesem Roman um einen Mehrfachmord geht, ist es weder ein Krimi noch irgendwie dramatisch, sondern es geht um Schuldgefühle, um den Umgang mit ihnen und die langsame Annäherung der beiden Männer. Die junge Autorin Rebecca Wait (Jahrgang 1988) hat hier einen Roman geschaffen, der zwar sehr ruhig daherkommt, aber dabei sehr menschlich und mitfühlend erzählt und die traumatischen Abgründe herzzerreißend beleuchtet. Fazit: Eine sehr ruhige Geschichte zweier wortkarger Männer, die im Laufe des Romans an Intensität zunimmt und hinterher noch lange nachklingt.

Rebecca Wait. Our Fathers. London: Quercus, 2020. | dt. Das Vermächtnis unsrer Väter. Berlin/Zürich: Kein & Aber, 2019.

Mehr zur Autorin auf der Autorenseite Rebecca Wait.

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