ausgezeichnet, Booker Prize, Kanada, literatur, USA

Margaret Atwood. Die Zeuginnen (2019)

Was wurde aus Offred aus The Handmaid’s Tale? Diese Frage scheinen viele Leserinnen an Margaret Atwood gestellt zu haben (vielleicht auch Produzenten?), so viele, dass nach fast 35 Jahren jetzt eine Art Fortsetzung des dystopischen Romans erschienen ist. Und dabei ist diese Geschichte noch einmal anders, hat andere Protagonisten, eine andere Form, ganz neue Aspekte.

Der Roman The Testaments wurde schon vor seinem Erscheinen gehypt, mit so vielen Vorschusslorbeeren bedacht – das macht eher skeptisch. Und es braucht wohl eine wahre Meisterin, wie Margaret Atwood eine ist, um diesen hohen Anforderungen nicht nur gerecht zu werden, sondern sie eigentlich noch zu übertreffen. Denn wenn The Testaments auch als Fortsetzung angelegt ist, erfüllt der Roman diese Aufgabe doch nicht eins zu eins, das wäre vermutlich eher bieder geblieben. The Testaments kann viel mehr!

Zeugenaussagen

Margerat Atwood präsentiert in ihrem Roman quasi drei Schriftstücke, die abwechselnd abgebildet werden und inhaltlich erst relativ spät ineinandergreifen. Das ist zum einen der Bericht von „Tante Lydia“, eine der Mitbegründerinnen von Ardua Hall, dem Reich der Tanten. Zum anderen gibt es die „Zeugenaussagen“ von zwei jungen Mädchen: Agnes Jemima, die in Gilead lebt und von ihrer Kindheit und Jugend berichtet, und von Daisy, die in Kanada lebt, wo sie zwar viel von Gilead gehört hat, aber nicht weiß, wie sehr ihr Leben mit dem totalitären Staat verknüpft ist.

Tante Lydia

Mithilfe dieser Berichte – die natürlich lange nicht so trocken sind wie das Wort „Bericht“ vielleicht nahelegt – kann der Leser noch einmal nach Gilead zurückkehren. Dieses Mal aber lernt er wesentliche neue Aspekte kennen, die zwar den Linien von The Handmaid’s Tale folgen, aber viele Details zusätzlich ausmalen, erläutern, neue Aspekte einbringen … So berichtet Tante Lydia, ehemals Familienrichterin, wie sie kurz nach dem Umsturz zusammen mit allen Frauen aus dem Gerichtsgebäude abgeholt und ins Stadion gebracht wurde. Dort harrte sie gemeinsam mit vielen Hundert Frauen fortgeschritteneren Alters aus, niemand wusste, was passieren sollte, nach welchen Kriterien ausgewählt wurde, wer leben durfte und wer sofort erschossen wurde. Tante Lydia schaffte es, wurde später einflussreich, auf dem Höhepunkt ihrer Macht verfolgt sie jetzt neue Ziele.

Agnes Jemima

Agnes lebt als Tochter in einer Kommandantenfamilie, als ihre Mutter Tabitha stirbt, ist sie untröstlich. Stiefmutter Paula beachtet sie kaum, will sie schnell loswerden, sobald Agnes heiratsfähig ist. Die Schule und die Tanten, die dort ausschließlich unterrichten, bedeuten viel in Agnes Welt – wie bei jedem Kind. Auch wenn in dieser Schule nicht gelesen wird und Disziplin und Gehorsam im Zentrum stehen, gibt es immerhin so etwas wie Freundinnen. Auch bei den Marthas in ihrem Haus sucht Agnes Geborgenheit, erfährt aber nur, dass Tabitha gar nicht ihre richtige Mutter war. Ihre Mutter war eine der verachteten Mägde, doch niemand sagt ihr, was aus ihr geworden ist. Als Agnes den gefürchteten Kommandanten Judd heiraten soll, ist sie verzweifelt, schließlich muss sie gehorchen, alles andere ist undenkbar. Ausgerechnet Tante Lydia zeigt ihr einen Ausweg.

Daisy

Daisy wächst in Kanada auf, hier leben Flüchtlinge aus Gilead, hierher kommen aber auch die „Perlenmädchen“ zum Missionieren. Auch in der Schule in Gilead Unterrichtsthema, es gibt Demonstrationen gegen Gilead, trotz des Verbots ihrer Pflegeeltern geht Daisy hin und gerät in Ausschreitungen. In Kanada ist allgemein bekannt, dass es eine Untergrundorganisation namens Mayday gibt, die Menschen aus Gilead rettet – aber als Daisy erfährt, dass ihre Pflegeeltern in Mayday engagiert sind, ist ihre bekannte Welt bereits zusammengebrochen. Glücklicherweise ist da noch Ada, die sich um sie kümmert, ihr ein Geheimnis offenbart und sie auf eine gefährliche Reise schickt …

Spannung mit Plus an Tiefe

Drei unterschiedliche Frauenschicksale, drei Sichten auf Gilead, sehr individuell auch im Umgang mit Autoritäten, drei Frauen, deren Schicksale im Laufe des Romans immer mehr verknüpft werden. Ein eindringlicher dystopischer Roman, ja, aber auch ein spannender Spionageroman, ein Roman voller Ironie und Anspielungen auf reale Ereignisse, ein Roman, der gerade dadurch auch neue Perspektiven auf unsere Realität eröffnet. In The Testaments habe sie viele Fragen von Leserinnen zu Gilead beantwortet, sagt Margaret Atwood zu ihrem Roman. So ist das korrupte und menschenverachtende System Gileads detaillierter gezeichnet als in The Handmaid’s Tale, Atwoods Fantasie hat sie nicht im Stich gelassen – oder vielleicht ist es auch eine besonders gute Beobachtungsgabe? Vielleicht macht der Roman auch deshalb so betroffen, über die spannende Lektüre hinaus. Und was aus Offred wurde, erfährt man ganz am Ende des Romans auch noch.

Margaret Atwood hat mit The Testaments den renommierten Booker Prize gewonnen. Meiner Ansicht nach völlig zu Recht.

Margaret Atwood. Die Zeuginnen. Berlin: Berlin Verlag/Piper, 2019. | Original: The Testaments. New York: Nan A. Talese/Knopf Doubleday, 2019. Übersetzung Monika Baark.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar via NetGalleyDE!

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