Deutschland, literatur, romane

Lene Albrecht. Wir, im Fenster (2019)

Eine zufällige Begegnung in der U-Bahn ruft bei Linn Erinnerungen wach: an Laila, eine Freundin aus Kindertagen, die plötzlich da war und fast ebenso plötzlich – wenn auch nicht ohne Grund – wieder weg. Vorsichtig tastet Linn sich in ihren Erinnerungen zurück.

In der U-Bahn sitzen Linn zwei Mädchen gegenüber. Nur eines unterscheidet sie von so vielen anderen: ihr sehr vertrauter Umgang miteinander. So wie Linn und Laila. Vor gut 20 Jahren. Die Erinnerungen drängen zurück zu Linn, lange hat sie sie vermieden, weil sie sich nicht mit ihrem eigenen Verhalten auseinandersetzen wollte. Und nicht mit ihrer Sehnsucht, die auch nach so vielen Jahren noch sehr kraftvoll zu sein scheint.

Gemeinsamkeiten

Damals stand Laila auf einmal vor Linns Haustür in dem schmuddeligen Berliner Hinterhof, jeden Tag, wenn Linn aus der Schule kam. Linn ist fasziniert von Lailas Eigensinn, von ihrer Stärke, von ihrer Schönheit. Bald sind die Freundinnen unzertrennlich, fast symbiotisch, eine Liebe in aller Unschuld. Als Lailas Oma, bei der sie wohnt, zurück in die Türkei geht, darf Laila sogar zu Linns Familie ziehen. Die beiden teilen sich in Zukunft also auch ein Zimmer, Linns Eltern Ingrid und Götz, ein Familienleben. Das allerdings lässt die ersten Zeichen von Eifersucht keimen bei Linn.

Verrat

Linns Erinnerungen tasten sich voran in kleinen Schritten, in einzelnen Szenen oder Phasen. Dazwischen kehrt sie immer wieder in ihre Gegenwart zurück, zu ihrem ungeborenen Baby und ihrem Mann Georg, zu dem das Verhältnis so viel distanzierter ist als damals zu Laila. Zwei Gründe für Linns Sehnsucht? Aber auch damals dauerte das Glück nicht sehr lange. Mit Beginn der Teenager-Zeit zog Laila sich zurück, sie las viel, besuchte ihre Mutter, mit Linn verband sie bald nur noch das gemeinsame Zimmer. Linn suchte neue Freunde in der Hinterhof-Clique, die Laila (völlig zu Recht) mied. Ein rauer Umgangston, rauchen, trinken, kleine Diebstähle … Und als Linn sich entscheiden muss zwischen der Clique und ihrer Kindheitsfreundin bleibt sie stumm, schaut weg. Ein Verrat, der Laila entgültig in die Flucht schlägt.

Schönheit des Erinnerns

Lene Albrecht erzählt in ihrem Debütroman auf ganz wunderbare Weise vom schwierigen Erwachsenwerden eines Mädchens in Berlin kurz nach der Wende. In einem eher problematischen Viertel, mit Junkies im angrenzenden Park, aber auch mit Eltern, die trotz aller eigenen Unsicherheiten versuchen, ihrer Tochter Geborgenheit zu geben. Und der Roman erzählt von einer ganz besonderen Kinderfreundschaft, die Linn mit einer großen Sehnsucht zurücklässt, die sie sich lange selber nicht eingestehen wollte. Die Autorin erzählt nicht chronologisch, einzelne Abschnitte/Szenen springen in der Zeit, sie gibt keine Erklärungen zu Hintergründen, sondern folgt ganz dem Erinnern der Protagonistin, das sie in eindringlichen Bildern darstellt. All das erzählt sie in einer wunderschönen, melancholischen Sprache, die immer wieder unerwartete Verbindungen herstellt, ungewöhnliche Sichtweisen offenbart und kluge Einsichten gewährt. So wie das Bild des Fensters, das Einblick in die Erinnerungen ermöglicht – und doch noch mehr verbirgt, als es zeigt.

Ein Debütroman, den ich wärmstens empfehlen möchte und der es sofort auf die Liste meiner Lieblingsbücher geschafft hat.

Lene Albrecht. Wir, im Fenster. Berlin: Aufbau Verlag, 2019.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar via NetGalleyDE.

Weitere Informationen zur Autorin auf der Autorinnenseite Lene Albrecht.

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