Bücher, England, literatur, romane

Elizabeth Day. Die Party (dt. 2018)

Martin Gilmour ist beruflich erfolgreich, wohlhabend – doch vor allem sieht er sich als der beste Freund des charismatischen Ben Fitzmaurice, schon seit der gemeinsamen Zeit im Internat. Seitdem folgt er Ben wie ein Schatten, bewundert ihn, versucht, an seinem Leben teilzuhaben. Als beide in ihrer gemeinsamen Studentenzeit in einen schrecklichen Unfall verwickelt werden, nimmt Martin die Schuld auf sich. Doch bei der Party zu seinem 40. Geburtstag will Ben ihn endlich loswerden. Das kann nicht gut gehen.

Martin Gilmour wächst bei seiner Mutter auf, die nichts mit dem intelligenten, aber eigenwilligen Kind anfangen kann. Soziale Spielregeln sagen Martin wenig, vielleicht auch weil seine Mutter ihn nie lieben konnte. Da er in der Schule gute Leistungen bringt, bekommt er ein Stipendium für Burtonbury, kein Eliteinternat, aber doch gut genug für einige der oberen Zehntausend. Der junge Martin sieht glänzende Zeiten für sich anbrechen.

Internat

Als Neuer in der Schule sieht er sich allerdings schnell vor die Aufgabe gestellt, die Verhaltensweisen und Codes der Jungen hier zu entschlüsseln. Schon ganz zu Anfang lernt er Ben kennen, der ein Jahr älter ist als er und der sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die Untiefen der sozialen Herausforderungen bewegt. Martin beschließt, sich Bens Freundschaft zu sichern. Dabei geht er strategisch vor, beobachtet den Älteren, durchsucht sein Zimmer, gibt ein Vermögen für dieselbe Musik aus, die auch Ben mag. Der gesellige Ben nimmt Martin irgendwann in den Kreis seiner Freunde auf.

Familie

Als Martin immer öfter an den Wochenenden mit Ben zu seiner Familie fahren darf, fühlt er sich dort willkommen, sieht sich fast schon als Familienmitglied: Er scheint endlich irgendwo dazuzugehören. Nicht nur „irgendwo“, sondern zu einer sehr reichen und angesehenen Familie. Mit dem Ende der Schulzeit kühlt die Freundschaft langsam ab, Ben hat neue Freunde, doch Martin sucht weiterhin seine Nähe. Als ein schlimmes Unglück geschieht, ergreift Martin seine Chance: Er kann Ben beschützen und sich endlich unentbehrlich machen. Auch Bens Familie zeigt sich dankbar, sieht sich in seiner Schuld.

Party

Zwanzig Jahre lang scheint das gut zu gehen, die Freundschaft zwischen Ben und Martin besteht weiter und Martin ignoriert hartnäckig alle Anzeichen, dass es für Ben gar keine Freundschaft mehr, sondern nur noch eine Verpflichtung ist. Martins Ehefrau Lucy sieht das realistischer, doch so wie Martin Ben beschützen wollte, will Lucy ihren Mann beschützen. Und als Ben sich auf der Party zu seinem 40. Geburtstag aus der alten Schuld freikaufen will, muss die Situation eskalieren.

Struktur

Elizabeth Day erzählt die Geschichte von Martin in Rückblicken: Sein Verhör bei der Polizei nach der Party liefert den Rahmen, innerhalb dessen Martin berichtet. Schon hier erweist er sich als intelligenter, aber bissiger Beobachter. Seine Berichte erfolgen zwar in einzelnen Abschnitten, werden aber im Wesentlichen chronologisch gegeben, sodass man die Entwicklung der Freundschaft gut verfolgen kann. Dazwischen werden dem Leser noch Tagebuchaufzeichnungen von Martins Frau Lucy präsentiert, die sich nach der Party in einer Therapie/Klinik befindet, in denen sie auf das gemeinsame Leben mit Martin zurückblickt. Dadurch wird häufig die Perspektive Martins, die sonst durchgängig eingenommen wird, gebrochen und seine Einschätzung damit relativiert. Während Martin sich durchgängig als Opfer sieht, trotz seiner offensichtlich berechnenden Vorgehensweise, sieht es für Lucy anders aus, sie registriert auch die Ablehnung Bens, die ihr Mann bis zur Party vollkommen ausblenden kann.

Eine interessante Charakterstudie, ein spannender Bericht einer ungewöhnlichen Freundschaft und diverser Abhängigkeiten und mit klarer Sprache dramaturgisch geschickt erzählt.

Elizabeth Day. Die Party. Wie gut kennst du deinen besten Freund? Köln: Dumont, 2018. | Original: The Party. London: Fourth Estate, 2017. Übersetzung Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

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