Dörthe Binkert. Vergiss kein einziges Wort (2018)

Die Geschichte Schlesiens Anfang des 20. Jahrhunderts erzählt anhand der Schicksale der Frauen einer Familie … als Schmöker mit realem historischen Hintergrund lassen sich die 500 Seiten in einem Zug inhalieren.

Nur dank eines Zufalls fiel mir dieses Buch in die Hände, dank eines „guten Vorsatzes“, wieder mehr Romane und weniger Krimis zu lesen, habe ich das Jahr mit dieser Geschichte begonnen. Welch eine gute Wahl! Auch wenn nicht jeder an der historischen Dimension so viel Interesse haben wird wie ich, liest sich der Roman auch als Bericht über die Schicksale verschiedener Frauen in schwierigen Zeiten hervorragend und spannend.

Die Nachzüglerin

Emma Luise Strebel wird 1921 in Gleiwitz, Schlesien, geboren. Ihr Vater Carl wurde als Bahnbeamter hierher versetzt, doch die Familie hat sich eingelebt. Ihre Mutter Martha kümmert sich um ihre Kinder, Luise ist die Nachzüglerin in der Familie. Ihr ältester Bruder Konrad hat bereits eine Verlobte, Paulina, eine Polin, was der zweitälteste, Heinrich, rigoros ablehnt. Er ist es, der früh der Partei beitritt und immer für Streit sorgt, vor allem mit seinem toleranten Bruder Konrad. Die Mädchen der Familie haben nicht viel zu sagen, doch immerhin versucht die Mutter, auch ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Die Extravagante

Die Älteste, „die schöne Ida“, fünfzehn Jahre älter als Luise, macht eine Lehre als Schneiderin und geht früh nach Breslau, wo ihre Oma ihr ermöglicht, einen eigenen Salon aufzumachen. Ida verliebt sich in Ruth, Tochter aus gutem jüdischen Hause – ein doppelter Gesetzesbruch, der Ida später für einige Zeit ins KZ bringt. Sensationsheischende Schilderungen der lesbischen Liebe oder aus dem KZ kommen allerdings im Roman nicht vor. Er berichtet eher aus der Perspektive des Alltags der Frauen, so wie zum Beispiel aus der Sicht Klaras, auch eine der Schwestern, die zu dieser Zeit mit Ida zusammen in Breslau lebt, sich Sorgen macht um Ida, sich bei der Polizei nach ihr erkundigt … sich dann aber später, als Ida zurückkommt, nicht zu fragen traut, denn sie sieht, dass die Schwester an einem Bericht zerbrechen würde.

Die Praktische

Hedwig, genannt Hedel, ist die Praktische der Schwestern, als Krankenschwester ist sie früh unabhängig, aber häufig auch diejenige, die praktische Ratschläge geben kann. An sie wendet sich Luise, als sie mit 17 schwanger wird – der Vater ist Pole, zu dieser Zeit bereits etwas, was man tunlichst verschweigt. Denn inzwischen gibt es auch eine neue Grenze zu Polen, wo Paulinas Verwandte leben und daran arbeiten, als Polen anerkannt zu werden, damit sie Arbeit und Lebensmittel erhalten. Der Vater wirft Luise aus dem Haus, die Mutter stirbt im Zuge des Konflikts. Doch Hedel bringt Luise bei einer früheren Kollegin, Maria Fabisch, unter, als deren Mann Wolfgang einberufen wird.

Polen

Nach dem Krieg wird Gleiwitz polnisch, doch die Strebel-Frauen können früh flüchten. Nur Klara will eigentlich in der Heimat bleiben, doch nach kurzer Zeit wird sie als Deutsche ausgewiesen. Bleiben darf allerdings Magda Kuznik, eine Kindheitsfreundin von Luise, deren Mutter polnische Wurzeln nachweisen kann. Auch sie gehört eher zu den Macherinnen, erst im Laden ihrer Mutter, den sie gemeinsam sogar über den Krieg bringen konnten, dann in ihrer komplizierten Ehe mit dem polnischen Juden Aron Sperber. Er konnte sich im heimatlichen Lemberg bei seiner Studienkollegin Florentyna verstecken, zum Dank sorgt er jetzt für sie, ihre Schwester und die Mutter in einem gemeinsamen Haushalt, in dem Magda sich einen Platz erobern muss. Aber auch das politische Klima in Polen macht ihr zu schaffen, und als Tochter Ewa als Halbjüdin beschimpft wird, betreibt sie hartnäckig ihre Ausreise.

Alltag in Schlesien

Frauenalltag vor den historischen Wirren Schlesiens – vielleicht kann man den Roman so zusammenfassen. Keine Beschreibungen von Verhören oder herausragender Dramatik, aber viele, viele Dinge, die den Alltag zu einer Herausforderung machen: die Lebensmittelknappheit, die Sorge um die Kinder, die Vorsicht gegenüber der Willkür eines Blockwartes, der Zusammenhalt vor allem unter den Frauen, meistens auch innerhalb der Familien – wenn nicht gerade der eine Sohn ein strammer Parteibonze und der andere mit einer Polin verheiratet ist … Auch die Liebe gibt es in diesen schwierigen Zeiten, auch wenn sie selten so idealisiert wird wie heute. Und immer wieder das Thema: Sind wir jetzt Deutsche oder Polen? Je nach dem wie die Geschichte gerade die Grenzen zieht, müssen sich die Schlesier entscheiden; was gerade noch die richtige Nationalität schien, kann bald schon zum Verderben führen.

Thema Flucht

Ein fantastischer Schmöker, nicht sensationsheischend, nicht sentimental, aber sehr eindringlich. Schade, dass der Roman so spät kommt – zu einer Zeit, wo Flüchtlinge aus Schlesien kein Thema mehr sind, wo der Zweite Weltkrieg bereits als lange zurückliegende Geschichte betrachtet wird. Doch vielleicht kann dieser Roman an anderer Stelle wirken und die Nachkommen der schlesischen Flüchtlinge daran erinnern, dass auch ihre Wurzeln woanders liegen, alle Leserinnen daran erinnern, dass es Umstände geben kann, wo eine Flucht die einzige Möglichkeit darstellt. Flüchtlinge kommen nicht immer aus der Fremde, unter bestimmten Umständen kann jeder von uns zum Flüchtling werden und auf die Hilfe anderer angewiesen sein.

Immerhin: Frauensolidarität sollte eigentlich immer ein aktuelles Thema sein!

Dörthe Binkert. Vergiss kein einziges Wort. München: dtv, 2018.

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