Bücher, literatur, USA

Anna Quindlen. Unsere Jahre in Millers Valley (dt. 2017)

Mary Margaret Miller erzählt von den Jahren ihrer Kindheit, die sie in Millers Valley verbrachte – das damals schon dem Untergang geweiht war: Es musste dem Wasser eines Stausees weichen. Doch bis es so weit war, spielte sich hier typisches amerikanisches Landleben ab.

Mary Margaret, genannt Mimi, wächst in den ländlichen USA auf. Sie ist das jüngste von drei Kindern, doch einige Jahre Altersunterschied trennen sie von ihren Brüdern Ed und Tom. So lange Mimi sich zurückerinnern kann, kamen Agenten der Regierung in ihren kleinen Ort und versuchten, den Bewohnern einen Umzug schmackhaft zu machen, damit der Ort möglichst bald geflutet werden könne. Natürlich wollen die Menschen davon nichts wissen, hier ist ihr Leben, ihr Land, ihre Wurzeln.

Kindheit auf dem Lande

Mimi führt das typische Leben des Landkindes zu der Zeit, verkauft nachmittags Mais vor ihrem Hof, hilft dem Vater mit der Landwirtschaft. Sie beobachtet, wie ihr Bruder Tommy als Soldat nach Vietnam geht – und als psychisches Wrack zurückkommt. Danach lässt er sich nicht mehr oft bei seiner Familie sehen, es gibt Gerüchte über Drogen, Diebstahl, er ist im Gefängnis, bevor er schließlich ganz aus dem Leben der Familie verschwindet. Der älteste Bruder, Ed, ist schon an der Uni, bevor Mimi alt genug ist, das wirklich zu begreifen. Die Mutter ist Krankenschwester, mit ihren Nachtdiensten sorgt sie für den Unterhalt der Familie, die Landwirtschaft ist dazu schon nicht mehr in der Lage.

Karriere des Verstandes

Was Mimi von den anderen Kindern hier unterscheidet, ist ihr wacher Verstand: Noch in der Schulzeit untersucht sie für ein Naturwissenschaftsprojekt den geplanten Stausee und stellt fest, dass es gar keine Alternative gibt. Doch auch sie will das nicht wirklich wahrhaben, fühlt sich jetzt ein wenig als Verräterin, weil sie mehr versteht als die anderen hier. Mimis Lehrerin drängt sie zu einem Studium und findet schließlich sogar ein Stipendium, das Mimi ein Medizinstudium ermöglicht. Das war zwar vorher nie ihr Ziel, doch ein Stipendium schlägt man nicht aus und sie wird gerne Ärztin, so scheint es. Viel erfährt der Leser darüber nicht.

Rückblick

Diese Geschichte erzählt Mimi als 65-Jährige im Rückblick, doch die Perspektiven und zum Teil auch die Erzählstile sind dem jeweiligen Alter Mimis angepasst. Insgesamt ist Mimis Geschichte sehr nüchtern erzählt, Gefühle finden höchstens zwischen den Zeilen statt, oft scheint die Distanz zur Protagonistin riesig. Von der Handlung her passiert eigentlich nicht sehr viel in Millers Valley, eine Tante, die ihr Haus nie verlässt, ein Bruder, der am Krieg zugrunde geht, ein Vater, den ein Schlaganfall zum Fremden macht, eine ungewollte Schwangerschaft, der Mimi nüchtern ein Ende setzt. Ein Leben halt, das Mimi nach ihren Studienjahren doch wieder zurückgeführt hat in den neuen Ort Millers Valley. In dem das Leben dann auch gar nicht so schlecht war, wie vorher immer alle dachten …

Unscheinbar

Eine ruhige Geschichte, fast unscheinbar. Doch immer wieder gibt es auch solche Sätze: „Die Nacht war so still, dass man die Tauben hörte, die einander auf den Feldern mit sanfter Stimme Trost zusprachen.“ Und dann weiß man, dass es sich doch lohnt, diesen Roman zu lesen.

Anna Quindlen. Unsere Jahre in Millers Valley. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2017. | Original: Millers’s Valley. New Vork: Random House, 2016. Übersetzung Tanja Handels.

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