Charlotte Link. Die Rosenzüchterin (2000)

Die Berlinerin Franca Palmer lernt auf Guernsey durch Zufall Beatrice Shaye und ihre Geschichte kennen. Die 70-Jährige erlebte als Kind die deutsche Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs, eine grausame und abenteuerliche Zeit, die ihr ganzes Leben bestimmte. Franca ist fasziniert, muss aber auch ein paar eigene Probleme lösen.

Als Franca Palmer im Jahr 1999 mal wieder nach Guernsey kommt, um im Auftrag ihres Mannes Schhwarzgeld abzuheben, wirft sie eine Panikattacke völlig aus der Bahn. Alan Shaye hilft ihr, besorgt ihr eine Unterkunft bei seiner Mutter Beatrice, wo Franca sich mit der älteren Frau anfreundet. Per Brief beginnt Beatrice von der Zeit der deutschen Besatzung zu erzählen.

Der Feind im eigenen Haus

Als 11-Jährige, 1940, wurden die Insel-Bewohner evakuiert, aber Beatrice verlor ihre Eltern beim Einschiffen und blieb ohne sie auf Guernsey zurück. Das Haus der Eltern wird von einem deutschen Major, Erich Feldmann, okkupiert, der sich auch um Beatrice kümmert. Seine Frau Helene kommt kurze Zeit später nach. Eine Ersatzfamilie findet Beatrice hier nicht, auch wenn sich die Feldmanns gerne so sehen wollen. Während Erich Feldmann ein manisch depressiver Nazi-Despot ist, scheint seine Frau das geborene Opfer zu sein. Beatrice wird für beide zur Vertrauten, niemand behandelt sie wie das Kind, das sie doch eigentlich noch ist.

Kriegsdramen

Sehr jung verliebt sie sich in den Kriegsgefangenen Julien, der sich nach seiner Flucht auf dem Dachboden der Familie Wyatt versteckt, der Familie von Beatrices bester Freundin Mae. Julien scheint beinahe durchzudrehen in seiner neuen Gefangenschaft, bei einem nächtlichen Badeausflug werden er und Beatrice beinahe erwischt und von deutschen Soldaten gejagt. Beatrice kann entwischen, muss dann aber „zu Hause“ endlose Verhöre ertragen. Sie sieht Julien nicht wieder, aber ohnehin wird es dramatisch genug mit Erich Feldmanns unberechenbaren Launen und Grausamkeiten, mit einer Lungenentzündung und dem allgegenwärtigen Hunger der letzten Kriegsmonate.

Zurück nach Guernsey

Danach suchte Beatrice eigentlich nur noch Ruhe, studierte in England, heiratete dort einen Professor, mit dem sie in Cambridge lebte. Doch mit ihrem kleinen Sohn Alan landete sie wieder im Haus ihrer Eltern auf Guernsey, in dem Helene Feldmann immer noch lebte. Und in dem die beiden bis heute gemeinsam wohnen, bis Franca sie dort kennenlernt.

Befreiungen

Im Erzählstrang der Gegenwart geht es um Franca, die gegen Panikattacken kämpft, an denen ihr Mann seinen Anteil hat. Bis sie sich endlich von ihm lösen kann und alleine nach Guernsey aufbricht. Bei Beatrice kommt sie zur Ruhe, erfährt von ihr viel über die Zeit der deutschen Besatzung. Beatrices Sohn Alan leidet unter seiner Liebe zu der viel jüngeren Maja, der Enkelin von Mae. Maja wiederum würde gerne von der zu kleinen Gesellschaft Guernseys flüchten. Dann gibt es noch Kevin, ein junger Freund vor allem von Helene, die ihm immer wieder Geld leiht. Es wird erzählt von einer enttäuschten Liebe, von Alkohol- und Tablettenmissbrauch, von mütterlichen Sorgen, Familienzusammenhalt, von kriminellen Machenschaften, einem grausamen Tod und Lebenslügen …

Unterhaltsamer Schmöker

Dieser Roman ist eigentlich die Sorte von spannender und dramatischer Unterhaltung, die ich nicht besonders schätze. Zu viele Klischees werden bemüht, zu viel Dramatik konstruiert … aber vor dem Hintergrund der Insel Guernsey und ihrer Landschaft, mitten in der Zeit der deutschen Besatzung, mit einem launischen Nazi im eigenen Haus – das kann man sich alles sehr gut vorstellen, da kann man abtauchen in eine Geschichte, die einen ganz realen Hintergrund hat. Natürlich ist auch hier vieles überzeichnet, zugespitzt, aber es wirkt stimmig, ist auch einfach spannend erzählt. Die vielen Verwicklungen in der Gegenwart darf man allerdings nicht zu kritisch unter die Lupe nehmen, hier hat die Autorin einen Haufen Probleme gesammelt und auf diese eine Familie konzentriert – aber so funktioniert wohl spannende Unterhaltung.

Guernsey

Nachdem mich gerade Deine Juliet wieder an das Thema „Guernsey unter deutscher Besatzung“ erinnert hat, ist Die Rosenzüchterin ein unterhaltsamer Schmöker, der das Thema um einen Erzählstrang in der Gegenwart ergänzt. Wer sich für diesen nicht ganz so bekannten Aspekt des Zweiten Weltkriegs interessiert, wird hier jedenfalls spannend informiert.

Charlotte Link. Die Rosenzüchterin. München: Blanvalet, 2000. (© Cover: Goldmann Verlag, Random House)

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