Steinaecker/Yelin. Der Sommer ihres Lebens (2017)

Ein Comic?? Zu den großen Fragen des Lebens und ganz ohne Superhelden oder vermenschlichte Tiere? Kann das funktionieren? Es kann, und zwar ganz ausgezeichnet! Eine große Leseempfehlung für dieses eindringliche und bewegende Buch.

Die ehemalige Physikerin Gerda kommt ins Seniorenwohnheim und blickt zurück auf ihr Leben. Mehr und mehr übernehmen die Erinnerungen in ihrem Kopf und verdrängen die aktuelle Realität. Hatte sie ein glückliches Leben?, fragt sie sich. Hat sie die richtige Entscheidung getroffen, damals, im Sommer ihres Lebens?

Aufgewachsen in der 50er-Jahren, als Mädchen, das besser in Mathematik war als alle Jungen, belächelt, konnte Gerda doch Physik studieren und fand einen Professor, der sie unterstützte. Als die Außenseiterin sich verliebte, ließ sie ihre große Chance in Cambridge zugunsten des konventionellen Lebens als Ehefrau und Mutter sausen. Die Ehe hielt nicht einmal lange.

War das die richtige Entscheidung? Hätte sie es noch einmal genauso gemacht? Stellen sich diese Fragen für Gerda überhaupt noch?

In diesem Comic betrachtet Gerda ihre Erinnerungen, sie vermischen sich nach und nach mit ihrem Alltag im Heim und dem körperlichen Verfall. Eine rigorose Bewertung nimmt sie nicht vor, der Rückblick ist eher melancholisch, etwas schmerzhaft, auch für den Leser. Worte spielen hier eine sehr untergeordnete Rolle. Die wunderbaren Bilder wirken unmittelbar und eindringlich, bewegen Emotionen ohne Worte als zwischengeschaltetes Medium. Immer wieder sind die Erinnerungen in einem Bild mit der Gegenwart verstrickt.

Nach Mickey Mouse und Asterix in Jugendtagen, war dies die erste Graphic Novel für mich, das Geschenk eines lieben Freundes. Ehrlich gesagt: Zuerst war ich sehr skeptisch. Bis ich eines Abends „nur mal reinschauen“ wollte und dann in diesem Buch versunken bin, das Buch in einem Rutsch, beinahe atemlos, durchgelesen und angeschaut habe. In ihrer poetischen Schlichtheit haben mich die Geschichte und ihre Darstellung tief bewegt und berührt … und zum Nachdenken angeregt.

Ist das Literatur? Oder definiert sich Literatur über Worte und Text? In diesem Fall ist mir das ganz egal, dieses Buch ist einfach wunderbar!

Thomas von Steinaecker; Barbara Yelin. Der Sommer ihres Lebens. Berlin: Reprodukt, 2017.

Weitere Informationen

Seite zum Titel beim Verlag reprodukt
auf hundertvierzehn (Online-Magazin des S. Fischer Verlags, hier ist das Buch zuerst als Webcomic seit Oktober 2015 erschienen)

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ein Kommentar

  1. […] Literaturlese ist sehr angetan von Der Sommer ihres Lebens. […]

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