Bücher, literatur, romane, USA

J.D. Salinger. Der Fänger im Roggen (1951)

Der 16-jährige Holden Caulfield wird mal wieder von einer Schule verwiesen. Da ihm dort sowieso jeder auf die Nerven geht, beschließt er, nicht bis zum Beginn der Weihnachtsferien zu bleiben, sondern abzuhauen. Er packt seine Sachen und fährt nach New York, seiner Heimatstadt, seine Eltern will er aber um jeden Preis meiden…

Ein „Kultbuch“, das vermutlich so gut wie jeder gelesen hat – außer mir bisher. Geschrieben für Erwachsene, gelesen vor allem von Jugendlichen. Wollten sie sich in der aufmüpfigen Haltung des angry young man wieder erkennen? War es die Ablehnung gegenüber gesellschaftlichen Normen und der Scheinheiligkeit der Angepassten, die die Jugendlichen mit Caulfield teilen wollten? Oder war es (auch?) die Sprache, die – wenn die aktuelle Übersetzung analog zum Sprachgebrauch der 1950er Jahre angefertigt wurde – deftig und mutig war und neue Wege suggerierte?

Weltgewandt in Manhattan

Für ein „Kultbuch“, für einen Klassiker, der häufig unter die 100 besten Bücher gewählt wurde, liest sich der Roman flüssig runter. Allerdings mehr aus Interesse an dem Phänomen als an der tatsächlichen Handlung. Die besteht nämlich eigentlich nur aus einem detailliert beschriebenen Herumirren in Manhattan. Immerhin bewegt sich der 16-Jährige mit großer Sicherheit und viel Geld zwischen Hotels, Bars und Shows – nicht gerade der durchschnittliche Teenager. Das Rauchen und Trinken probiert wohl jeder Teenie mal aus, Caulfield geht über den Versuch weit hinaus und scheint beides zu kultivieren. Auflehnung? Sucht? Etwas „zum Festhalten“?

Das macht Caulfield fertig

Drei Tage verbringt Caulfield alleine in New York, begegnet dabei aber vielen Menschen. Manchen freiwillig, den meisten unfreiwillig. Aber alle nerven ihn irgendwann und irgendwie, „machen ihn fertig“. Alle sind „verlogen“ in seinen Augen, verstellen sich, passen sich an, soll das wohl heißen. Das beginnt bei Taxifahrern und Liftboys, so sind die Freundinnen, die Schulkameraden an den diversen Schulen, die Lehrer…

Familienmensch Caulfield

Einzig die Mitglieder seiner Familie scheint Caulfield nicht ganz zu verachten. Seine Eltern kommen natürlich nicht so gut weg, doch fällt seine Kritik hier relativ mild aus. Seinen Bruder „D.B.“, der sich verkauft hat und jetzt Scripte für Filme schreibt – die Caulfield grundsätzlich verachtet – bewundert er trotzdem irgendwie. Der Tod des jüngeren Bruders Allie hat ihn aus der Bahn geworfen, in seiner Fantasie unterhält sich Caulfield immer noch mit ihm. Und seine kleine Schwester Phoebe, die zehn ist, vergöttert er geradezu. Nur um mit ihr zu reden schleicht er sich nachts in die elterliche Wohnung, trotz seiner Angst entdeckt zu werden.

Teenie-Revolte oder psychische Probleme

Die Rahmenhandlung macht deutlich, dass der Ich-Erzähler sich zur Zeit seines Berichtes in einer Art Sanatorium befindet, eine Psychoanalyse scheint Teil der Behandlung. Wenn man als Leser dieses Wissen im Hinterkopf hat, verliert Caulfield viel von seiner Originalität als „angry young man“ – übrigens ein Charakter, der zu dieser Zeit häufig in der Literatur zu finden war. Der 16-Jährige scheint dann viel weniger den moralischen Aufstand zu proben um erwachsen zu werden, sondern der Hauptgrund für seine Haltung scheint eine psychische Störung, eine Depression o.ä. zu sein. Dazu passen auch seine körperlichen Symptome, die sich im Laufe der drei Tage entwickeln bzw. verstärken.

Ich-Erzählung aus konstanter Perspektive

Diese Sichtweise passt nicht so ganz zu dem Status als „Kultbuch“ für Jugendliche, das sich der Roman erworben hat. Doch sie zeigt, warum der Roman nicht nur für Jugendliche interessant und spannend sein kann: Caulfield als Ich-Erzähler berichtet so authentisch von seinem Weg in die Krise, immer nur aus seiner eigenen Perspektive und mit seinem eigenen Wissen und seiner Reife – das ist einfach genial geschrieben.

Die Sprache

Wobei man für die Sprache ungefähr dieselbe Toleranz aufbringen muss, die sich beim Umgang mit realen Jugendlichen und der heutigen Jugendsprache empfiehlt. Bei der Neuübersetzung von 2003 scheint Übersetzer Eike Schönfeld vor allem riesige Portionen der Wörter /Ausdrücke „verflucht“, „irgendwie“, „und so“, „oder was“ über jede Seite verstreut zu haben. Das wirkt etwas eindimensional und nervt gelegentlich. Allerdings noch nicht so sehr, wie die Titulierung fast jeden Menschens als „der gute X“ oder „die gute Y“, und das immer und immer wieder… Eine Anpassung an die heutige Jugendsprache ist Letzteres wohl eher nicht. Allerdings ist es immer schwierig, die Sprache eines Romans nach seiner Übersetzung zu beurteilen, erst recht, wenn die Übersetzung schon „aktualisiert“ ist.

Persönlich

Als Teenager habe ich einen Bogen gemacht um die Bücher, die alle anderen toll fanden. Ich wollte selber aussuchen, keiner Mode folgen. Jetzt bin ich doppelt froh, denn als Teenie hätte ich den Roman vielleicht auch für eine Geschichte der Auflehnung gegen ein Establishment gehalten, das zu meiner Zeit schon längst Vergangenheit war. Oder das nur für die Reichen New Yorks galt und mich deshalb sowieso nicht betraf. Heute konnte ich einen faszinierenden Entwicklungsroman lesen, der mich – teilweise trotz seiner Sprache – mitgerissen hat. Nicht in Bewunderung für die Verachtung seiner Mitmenschen des einzig moralisch Aufrechten, sondern im Mitgefühl für einen hochintelligenten 16-Jährigen, der nach dem Tod seines Bruders nach und nach jeden Halt verloren und weder in seiner Familie noch in den wechselnden Internaten Unterstützung, Wertschätzung und Förderung erfahren hat. Insofern sehe ich in diesem Roman weniger Auflehnung, sondern eher viele, viele Hilferufe. Und eine Geschichte, die Salinger mit viel Einfühlungsvermögen und Kunstfertigkeit in seinem einzigen Roman erzählt hat.

Ein wenig ist uns die Geschichte bereits historisch entrückt, New York kurz nach dem Zweiten Weltkrieg scheint uns fremd und fasziniert uns auf eine Weise, die Salinger beim Schreiben bestimmt noch nicht einkalkuliert hat. Ein zusätzlicher Bonus für den heutigen Leser.

Jerome David Salinger. Der Fänger im Roggen. Reinbek: Rowohlt, 2004. Übersetzung Eike Schönfeld (gelesene Ausgabe) | Original: The Catcher in the Rye. New York: Little, Brown, 1951.

Ein Gedanke zu „J.D. Salinger. Der Fänger im Roggen (1951)“

  1. Nicht zu vergessen die Sekundärliteratur, die zum Salinger-Verständnis unumgänglich ist: Joyce Maynard…
    Und dann ist da noch diese Geschichte über John Lennons Mörder …

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