Barbara Frischmuth. Woher wir kommen (2012)

Drei Frauen verlieren ihre Männer, kämpfen mit dem Verlust und müssen für sich einen Weg finden, ihr Leben weiterzuleben. Drei Generationen, unterschiedliche Zeiten, verschiedene Umstände, individuelle Wege. Teilweise politisch in das Zeitgeschehen eingebunden, teilweise ein privates Scheitern. Verwoben in einem Roman, der ruhig erzählt, die Charaktere mit wenigen Worten lebendig werden lässt, den Blick auch unter die Oberfläche richtet oder in die „Höhen“ von Politik und Kunst.

Ada, Martha, Lilofee. Jeder der Frauen ist ein Teil im Roman gewidmet, die Lebenden kommen zu Wort, die verstorbene Lilofee muss sich mit den Erinnerungen der noch Lebenden begnügen. Doch der Dorfklatsch kann hier viel beitragen, wenn nicht zur genauen Rekonstruktion der Ereignisse, dann immerhin zur Sammlung von Hörensagen, Gerede der Alten…

Teil 1: Ada

Ada ist Ende 20, Künstlerin. Sie hat in London studiert und dort auch erste kleine Erfolge gefeiert, mit Seppi als Mentor, Antreiber und Geliebtem. Nach seinem Suizid bleibt Ada seine Stimme, die weiterhin ihre Arbeit hinterfragt, ihre Handlungen kommentiert und sie damit blockiert. Kurz vor einer Ausstellung in der Galerie ihres Zwillingsbruders Olli kommt Ada in das „Seehaus“, ihr Zuhause, in dem ihre Mutter Martha ein Restaurant betreibt. Den Sommer über kommen viele der erwachsenen Kinder nach Hause, um ihre Ferien in der Natur am See zu verbringen. Auch Jonas, mit dem Ada und Olli zu Schulzeiten eine enge Freundschaft verband, mit seinen drei kleinen Kindern Jenny, Walker und Jeremy.

So interessiert Ada an Jonas auch immer noch (oder wieder) ist, so sehr irritieren sie anfangs die Kinder, die Frischmuth übrigens wunderbar als kleine Persönlichkeiten lebendig werden lässt. Über Kunst und Geschichten und mit viel Fantasie findet Ada einen individuellen Zugang zu jedem der Kinder und wird von ihnen fast schneller in die Familie aufgenommen als von Jonas. Auch wenn die Liebesgeschichte sich zart und mit sinnlichen Details entfaltet, sind sich beide der Schwierigkeiten einer Beziehung bewusst.

Gleichzeitig arbeitet Ada an ihren Bildern für die Ausstellung, ein Prozess, an dem Frischmuth die Leser stellenweise intensiv teilhaben lässt. Und wobei Ada irgendwann feststellt, dass Seppis Stimme verstummt ist und sie endlich einen eigenen Weg finden muss. Und auch kann.

Teil 2: Martha

Einmal im Jahr reist Martha zurück nach Istanbul, besucht ihre Freundin Lale. Gemeinsam erinnern sie sich an ihre Männer, die in den 1980er Jahren bei einer gemeinsamen Wanderung verschwanden. Dass Robin und Lales Mann Vedat tot sind, daran gibt es eigentlich keine Zweifel. Aber auf welche Weise sind sie umgekommen? Warum? In einem langen Gespräch gehen Martha und Lale die üblichen Rituale durch, prüfen, welche Erinnerungen noch brauchbar sind. Neuigkeiten erwartet keine von beiden mehr, doch Lale kann Martha dann doch überraschen. Der lange Dialog der beiden Frauen an diesem einen Abend nimmt das gesamte Kapitel ein. Meisterhaft flicht Frischmuth hier die Erinnerungen an ihre Freundschaft und die politische Situation im Istanbul der 1980er Jahre ein.

Teil 3: Lilofee

Marthas Tante, genannt Lilofee, muss ohne eigene Stimme auskommen, auch wenn ihr ein Kapitel gewidmet wird. Auf der Handlungsebene ist Ada mit Walker ins „Seehaus“ gefahren und sie bekommen Besuch von Mia, einer neuen Freundin von Ada. Mia ist sehr an Lilofees Schicksal und an der Geschichte des Ortes in der Nazizeit interessiert, Ada erzählt, was sie weiß. Unterstützt durch den Chor der anonymen Dorfstimmen, die einige Fakten oder auch Mutmaßungen  beitragen und so der Autorin helfen, diese auf originelle Weise an den Leser zu bringen. Die österreichische Provinz im Zweiten Weltkrieg, Nazi-Getreue, Denunzianten, Angst und Entbehrungen, der Chor trägt die Facetten zusammen.

Viele Themen, schlicht erzählt

Barbara Frischmuth ist in Woher wir kommen das Kunststück gelungen, viele unterschiedliche Themen in einer ruhigen Geschichte ganz schlicht zu erzählen. Persönliche Verluste, Trauer und die individuellen Wege, mit ihnen umzugehen. Das Verhältnis zwischen Natur und Kunst. Der Zweite Weltkrieg mit seinen Gräueln. Istanbul und seine politischen Entwicklungen der 1980er Jahre. Verrat, Verleumdungen, Freundschaft, Liebe, Kinder. Mit der Annäherung Adas an ihren Jugendfreund Jonas und seine Kinder erzählt Frischmuth darüber hinaus wunderbar unkitschig eine schöne Liebesgeschichte. Trotz der Fülle an Themen und Details wirkt der Roman so leicht, wie es nur eine souveräne Erzählerin schaffen kann. Eine stille Perle im oft so lauten Literaturbetrieb.

Barbara Frischmuth. Woher wir kommen. Berlin: Aufbau Verlag, 2012.

Weitere Informationen

Verlagsseite zum Roman beim Aufbau Verlag
Homepage der Autorin
zur Autorin auf Wikipedia
der Roman bei LovelyBooks

Weitere Artikel und Rezensionen

Cornelius Hell: „Keine Männer mehr“ auf Die Presse (17.8.2012)
Alexander Kluy: „Kunstformen des Lebens und Liebens“ auf Der Standard (17.8.2012)
Karl-Markus Gauss: „Woher wir kommen und wohin wir wollen“ auf Neue Zürcher Zeitung (9.10.2012)
auf Bücherwurmloch (7.10.2013)

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