Bücher, Deutschland, literatur, roman

Birgit Vanderbeke. Geld oder Leben (2003)

Woran glauben die Menschen und wie verändert sich der Glaube im Laufe der Zeit? Von der Großmutter, die an Hüte glaubte, bis hin zum Bruder, der nur noch an Geld glaubt, reicht die Geschichte der Ich-Erzählerin, die ihren eigenen Glauben übrigens erst spät findet. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge – ganz sicher lässt sich unter diesem Aspekt ein Stück Zeitgeschichte erzählen.

Die namenlose, junge Ich-Erzählerin dieses wie gewohnt schmalen Romans berichtet von ihrem Leben als Kind und junge Erwachsene. Die Geschichte beginnt bei der Großmutter, die Hüte und Pfifferlinge liebte – an sie glaubte, heißt es im Roman. Wenn man an etwas glaube, funktioniere es. Und so verfolgt die Protagonistin aufmerksam, wer wann warum an was glaubt.

Die Beobachterin

Nach der Übersiedelung in den Westen glaubt der Vater an die Zukunft für die Kinder, dann an die Karriere, später an die Freiheit, die erst Sheila heißt und dann Mändi. Je mehr Geld er verdient, desto weniger kann er sich leisten – auch dies ein Phänomen, das die Erzählerin aufmerksam beobachtet.

Durchblick

Als Teenager begegnet ihr die Atomkraft-nein-danke-Bewegung, an der Uni stört die Basisdemokratie den Wissenschaftsbetrieb, den sie bald durchschaut hat: Die Noten hängen nur von der Länge des Literaturregisters ab. Trotz bester Noten findet sie nach dem Studium keine Stelle, sondern lebt mit ihrem Freund Hans und später mit Sohn Mischa ihr Leben im Selbstgemachten, in der Improvisation.

Glaube, Liebe, Hoffnung … ?

Während alle anderen einen Glauben leben, folgt die Protagonistin lange den praktischen Notwendigkeiten. Sie sucht sich einen Job, um ihr Studium zu finanzieren. Sie beobachtet scheinbar ohne Groll, sondern mit leisem Amüsement, wie ihr Vater eine neue Familie gründet und darüber sie und ihren Bruder vergisst. Sie verfolgt, wie das Privatfernsehen den Glauben verändert, bis am Ende nur noch der Glaube an das Geld bleibt. Bei allen anderen, natürlich nicht bei ihr und ihrer kleinen Familie. Sie selber findet irgendwann einen Glauben in Wurstsalat und Topfpflanzen, also im häuslichen Glück, im Selbstgemachten, im Verweigern von Konsum. Zwar scheinen ihr die finanziellen Mittel gar nicht zur Verfügung zu stehen, trotzdem steht ihr Glaube an das Leben dem Glauben aller anderen an das Geld als wertvoller, sinnvoller gegenüber.

Eine Geschichte des Glaubens

Wieder einmal erzählt Vanderbeke auf die ihr eigene, faszinierende Art, eine Sprache mit einem unglaublichen Sog, die ohne Dialoge auskommt, ohne ausführliche Beschreibungen, ohne Ortsangabe oder Namen für die Ich-Erzählerin. Die Handlung bietet einen Blick in die Zeitgeschichte, spricht wichtige Strömungen an, allerdings meist ohne sie beim üblichen Namen zu nennen. Auch wenn diese Geschichte natürlich nicht neu ist und die Protagonistin doch eher ein Typus als eine Persönlichkeit, bietet Vanderbeke einen interessanten Blick auf die Entwicklungen dieser Jahrzehnte, indem sie sie unter den Aspekt des Glaubens stellt und auf diese Weise die Absurdität so mancher Ansichten deutlich macht.

Birgit Vanderbeke wurde 1956 in Dahme geboren, 1961 übersiedelte ihre Familie in den Westen nach Frankfurt a.M. Sie studierte Jura, Germanistik und Romanistik und begann ihre Karriere als Schriftstellerin 1990 mit dem Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises für Das Muschelessen.

Birgit Vanderbeke. Geld oder Leben. Frankfurt: S. Fischer Verlag, 2003.

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