Margaret Atwood. Hexensaat (dt. 2017)

Im Rahmen des Hogarth Shakespeare Project erzählen bekannte Autoren einige der Werke Shakespeares neu: Margaret Atwood hat sich eines der weniger bekannten Dramen vorgenommen, The Tempest – Der Sturm. Atwood verlegt den Sturm von einer verzauberten Insel auf eine andere Art von Insel – bzw. gleich zwei ineinander verwobene Inseln -, nämlich in die Welt des Theaters und in ein Gefängnis, in dem Der Sturm aufgeführt wird.

Prospero, ehedem Herzog von Mailand, musste bei einem Putsch seines Bruders flüchten. Mit seiner kleinen Tochter Miranda flieht er auf eine Insel, wo er seine seine Zauberkräfte ausleben kann, unterstützt vom Luftgeist Ariel und Caliban, dem verkrüppelten Sohn einer verstorbenen Hexe. Nach vielen Jahren strandet Prosperos Bruder mit seinem Verbündeten, dem König von Neapel und dessen Sohn Ferdinand auf der Insel. Miranda, die noch nie einen jungen Mann gesehen hat, verliebt sich sofort in Ferdinand. Ihr Vater Prospero schaltet mittels Zauberei die aktuellen Herrscher aus, am Ende erhält Prospero sein Herzogtum zurück und Miranda und Ferdinand werden Herrscher in Neapel. – So ungefähr Der Sturm in Kurzform.

Die Intrige

Margaret Atwood erzählt die Geschichte neu – und erzählt gleichzeitig von einer Inszenierung von Shakespeares Der Sturm. Der erfolgreiche Theater-Regiesseur Felix Phillips wird von seiner rechten Hand Tony abgesägt – gerade als er Der Sturm inszenieren wollte -, verliert seine Stelle und zieht sich in eine einsame Hütte zurück. Hier richtet er sich mit den Fantasien von seiner verstorbenen Tochter Miranda in seiner Einsamkeit ein. Neun Jahre später übernimmt er einen Theater-Kurs in einem Gefängnis, mit den Gefangenen inszeniert er Stücke von Shakespeare, statt einer Aufführung werden die Szenen auf Video festgehalten und zum Abschluss des Kurses vorgeführt.

Shakespeare im „Knast“

Trotz anfänglicher Skepsis kann Felix, getarnt als „Mr Duke“, den Insassen die Klassiker des großen Meisters näherbringen. Er erklärt, lässt die Männer auch Änderungen vornehmen, um die Handlung oder Charaktere an ihre Lebenswelten anzupassen, sie dürfen ihre Erfahrungen einbringen und vieles muss improvisiert werden, weil die Sicherheitsbestimmungen im Gefängnis natürlich Waffen, spitze Gegenstände usw. verbieten. So entstehen auf der Basis von Shakespeares Stücken originelle Bearbeitungen, die auch die „harten Kerle“ im Gefängnis faszinieren.

Die Stunde der Rache naht

Für den nächsten Kurs hat sich hoher Besuch angekündigt: Zur Vorführung des Videos werden Tony, inzwischen Minister, gemeinsam mit dem Justizminister Sal O’Nelly – ein Schulfreund von Felix, der aber damals Tony unterstützte -, und dessen Sohn Frederick erwartet. Für Felix ist endlich die Stunde seiner Rache gekommen!

Natürlich muss er in diesem Jahr in seinem Kurs Der Sturm inszenieren. Eine besondere Herausforderung, denn ohne Kampfszenen, ohne strahlende Helden wird es schwierig, seine Schauspieler zu begeistern. Außerdem wird keiner die Rolle der Miranda übernehmen, das sieht Felix voraus und engagiert Anne-Marie Greenland, die die Rolle bei seiner damals gescheiterten Inszenierung übernehmen sollte. Die junge Frau ist taff und sportlich, könnte sich notfalls wehren, doch nötig wird dies nicht. Die Rolle des Luftgeistes Ariel, sonst von einer Frau gespielt, interpretiert Felix so geschickt um, dass sie für seine Schauspieler interessant wird.

Der Plan gelingt

Felix Racheplan sieht eine doppelte Aufführung vor, zwei unterschiedliche Filme – mit besonderen Rollen für Tony, Sal und Frederick. Da die Minister gekommen sind, um das Schauspiel-Projekt zu beenden, wird Felix von den Teilnehmern seines Kurses eifrig unterstützt…

Wie viele Variationen?

Durch die Erklärungen des Regisseurs für seine besonderen Schauspieler erhält auch der Leser viele Einblicke, Erläuterungen, Interpretation in die Charaktere des ursprünglichen Stücks. Die Neuinterpretation mit den Gefängnis-Insassen ist interessant, fast möchte man diese Aufführung mitsamt Rap und selbst gemalter Papppalme auch einmal sehen.  Seine Rache inszeniert Felix quasi parallel. Denn natürlich ist Felix selber ein Prospero, seine Zauberkräfte sind seine Fantasien für seine Inszenierungen, für die Illusionen, die er dort schafft. Seine Miranda ist eine zweigeteilte Figur: einmal die Tochter, die, früh verstorben, jetzt nur noch in Felix Fantasie lebt – und somit immer jung und naiv bleibt -, und Anne-Marie Greenland, die ungewöhnlich wenig Starlet-mäßige Schauspielerin. Als Insel sucht Felix sich seine isolierte Hütte, statt Zauberkräften nutzt er für seine Rache eine Inszenierung, seine Fähigkeit, Illusionen zu schaffen.

Vielschichtige Konstruktion

Margaret Atwood hat für Der Sturm eine gelungene Neufassung geschrieben, mit vielen Parallelen, aber auch interessanten Variationen (z.B. die doppelte Miranda). Zusätzlich ist das ursprüngliche Stück quasi eingebettet, dazu gibt es ein paar ungewöhnliche Interpretationen der von Shakespeare geschaffenen Figuren. Eine interessante, originelle Konstruktion der kanadischen Großmeisterin der Gegenwartsliteratur. Nur die Figuren lassen in Atwoods Version ein wenig zu wünschen übrig: Lediglich Felix und Miranda sind tatsächlich Charaktere, alle anderen sind eigentlich nur Statisten, Pappfiguren wie die Palmen. Hier liegt für mich das kleine Manko des Romans, denn er bleibt eine Konstruktion, spricht den Intellekt an, aber nicht das Gefühl. Felix‘ Rachewunsch ist dem Leser zwar verständlich, mitfühlen kann er nicht.

Margaret Atwood. Hexensaat. München: Knaus, 2017. | Original: Hag-Seed. London: Hogarth, 2016.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Weitere Informationen

Verlagsseite zum Roman bei Knaus (RandomHouse)
Verlagsseite zum Shakespeare-Projekt
Hexensaat bei LovelyBooks

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