Anne Tyler. Die störrische Braut (2016)

Anne Tyler, renommierte amerikanische Autorin, erzählt Der Widerspenstigen Zähmung neu: Von Kate in Baltimore, die ihrem Vater den Haushalt führt und in der von ihrem Vater arrangierten Ehe eine Chance sieht, ihrem bisherigen Leben zu entkommen.

Kate Battista, Ende 20, führt ihrem Vater des Haushalt und jobbt ihn einem Kindergarten, doch weder gern noch erfolgreich. Sie wird aus ihrem abgestumpften Dasein aufgeschreckt, als ihr Vater, der zerstreute Wissenschaftler, mit einer ungewöhnlichen Forderung zu ihr kommt: Sein Assistent Pjotr Shcherbakov, unentbehrlich für den Erfolg des Projektes, sieht seiner drohenden Ausweisung entgegen, wenn Kate nicht alles rettet und Pjotr heiratet.

Werben und Kuppeln

Zwar macht Kate schon lange nichts anderes, als für ihren Vater den Alltag zu organisieren, aber das geht ihr doch zu weit. Verärgert beobachtet sie das unbeholfene „Werben“ von Pjotr und die Kuppelversuche ihres Vaters. Fast widerwillig entdeckt sie nach einer Weile den einen oder anderen sympathischen Zug an Pjotr. Zum Entsetzen ihrer jüngeren (und hübscheren, selbstbewussteren) Schwester Bunny stimmt Kate der Ehe schließlich zu.

Mit Chaos ins Glück

Die Hochzeit wird zu einem rechten Chaos, ausgerechnet an diesem Tag werden alle Labor-Mäuse geklaut, sodass die beiden Wissenschaftler eigentlich gar keine Zeit für eine Zeremonie haben. Gut, dass Kate keine romantischen Erwartungen hat, als pragmatische Realistin nimmt sie alles wie es kommt. Ein Epilog offenbart dem Leser noch einen Blick in eine glückliche Ehe, in der auch Kate ihren Platz als Wissenschaftlerin gefunden hat. Happy End samt Kind, Liebe, Karriere – kitschig, wenn es nicht so nett erzählt wäre.

Leicht erzählt

Anne Tyler erzählt die alte Geschichte in einem humorvollen, leichten Ton, der den (ersten und falschen?) Eindruck einer kleinen, oberflächlichen Geschichte vermittelt. Etliche vertraute Klischees leisten ebenfalls ihren Beitrag dazu. Nett zu lesen auf jeden Fall, aber inhaltlich weckt der Roman zwiespältige Gefühle und Gedanken: Warum bloß stimmt Kate der Ehe zu? Von Liebe ist nirgendwo die Rede… Die Flucht aus dem Elternhaus in eine Ehe – ist das nicht ein zutiefst altmodisches und unreifes Konzept? Steht sie so sehr unter dem Einfluss ihres Vaters? Fühlt Kate sich dermaßen als Mauerblümchen, dass sie hier ihre einzige Chance sieht? Oder trifft Kate mit langsam erwachendem Selbstbewusstsein eine bewusste Entscheidung für diese Ehe, weil sie erkennt, dass sie auf diese Weise der subtilen Unterdrückung durch ihren Vater entkommen kann und ihr zukünftiger Ehemann – wie angedeutet – sie zu eigenen beruflichen Erfolgen ermutigen wird? Und Pjotr scheint einer der wenigen Menschen, die mit Kates direkter Art hervorragend klarkommen.

Weder Widerspenstige noch Zähmung

So gesehen weicht Anne Tyler doch erheblich von Shakespeares Widerspenstigen Zähmung ab: Kate ist kein Biest mit Haaren auf den Zähnen, sondern eine pragmatische, ehrliche, schnörkellose junge Frau. Und auch gezähmt wird sie keineswegs, eher im Gegenteil. Der ungewöhnliche Vorschlag ihres Vaters weckt sie aus ihrer Lethargie, sie entwickelt Selbstbewusstsein und eigene Vorstellungen von ihrem Leben. Und obwohl ihr Vater seinen Willen mit der Hochzeit bekommt und so seinen Assistenten behalten kann, verliert er andererseits seine Haushälterin, denn Kate und Pjotr sind sich ohne Worte einig in ihrem Wunsch, nach einem eigenen Leben.

Kate und die Frau von heute

Sehr gut sind auf jeden Fall Anne Tylers Erzählweise und ihre subtile Charakterzeichnung (wo sie kein Klischee bemühen möchte). Mit dem Inhalt habe ich so meine Probleme: ein altmodisches Konzept, von zu Hause in eine Ehe zu flüchten? Ist Kate nur ein bedauernswertes Geschöpf, das sonst „keinen abbekommt“? Sieht sie sich selber so? Hat sie die Hoffnung auf Liebe aufgegeben und entscheidet ganz pragmatisch? Oder ist die ganze Idee der Liebe ein hoffnungslos romatisches Konzept, das die selbstbewusste Frau von heute überwinden sollte? An diesen und ähnlichen Fragen werde ich noch eine Weile zu knabbern haben – Aber kann ein Roman eigentlich etwas Besseres erreichen, als seine Leser zum Nachdenken zu bringen? So gesehen: Leseempfehlung, auch wenn Tyler sicher bessere Romane geschrieben hat.

Anne Tyler wurde 1941 in Minneapolis geboren und studierte Slawistik. Seit 1965 schreibt sie Romane, die ihr viel Anerkennung und auch Preise eingebracht haben. Sie lebt in Baltimore.

Anne Tyler. Die störrische Braut. München: Knaus, 2016. | Original: Vinegar Girl. London: Penguin Random House, 2016. (Part of Hogarth Shakespeare) Übersetzung Sabine Schwenk.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Weitere Informationen

Verlagsseite zum Roman bei Random House
Vinegar Girl bei Penguin Random House (engl.)
über das Shakespeare-Projekt und die anderen Romane darin
Die störrische Braut bei LovelyBooks
über die Autorin Anne Tyler auf Wikipedia (dt.)
Ilka Piepgras über ihre Begegnung mit Anne Tyler und ihren Romanen: „Der Wert des Schweigens“ (zeit.de, 7.3.2013)

Weitere Artikel und Rezensionen (Auswahl)

Viv Groskop: „Vinegar Girl by Anne Tyler review – skilled but pointless Shakespeare retread“ (The Guardian, 12.6.2016)
James Walton: „Vinegar Girl by Anne Tyler, review: ‚Hardly a shrew, not really a taming'“ (The Telegraph, 18.6.2016)
Jane Smiley: „Touch Up Your Shakespeare: Anne Tyler Recasts ‘The Taming of the Shrew’ for Our Time“ (The New York Times, 6.7.2016)
als Buch-Tipp bei Radio Bremen (17.10.2016)
Annemarie Stoltenberg: „Eine Liebe wie im Märchen“ (ndr.de, 18.10.2016)
Sylvia Staude: „Die Hochzeit und die Mäuse“ (Frankfurter Rundschau, 16.11.2016)
Maike auf herzpotenzial.com (5.12.2016)
auf paper and poetry blog (2.1.2017)
Wieland Schwanebeck: „Die Zicke hat das Wort“ (Literaturkritik.de, 3.2.2017)

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2 Kommentare

  1. Ich fand ihn zwar auch gut lesbar, aber etwas flach … teile Deine Leseeindrücke.

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