Renate Kampmann. Fremder Schmerz (2008)

kampmann-renate-2008-fremder-schmerzRechtsmedizinerin Leonie Simon löst wieder einmal versehentlich ihre Alarmanlage aus. Von den Polizisten, die genervt an ihrer Tür erscheinen, erfährt sie allerdings, dass das Haus ihres Kollegen Frank Gotthardt brennt und er und seine Frau Claudia vermutlich im Haus sind… Leonie ist entsetzt, eilt aber pflichtbewusst zum Tatort. Tatsächlich finden sich die beiden Leichen im Haus, allerdings scheint es sich auf den ersten Blick nicht um Mord zu handeln.

Leonie Simon findet bei der Autopsie allerdings Anzeichen, die auf eine „Fremdeinwirkung“ hindeuten und da die Feuerwehr und auch der ermittelnde Kommissar ihr zu langsam sind, beginnt sie selber Fragen zu stellen. Sie vermutet das Mordmotiv zuerst in der Arbeit ihres Kollegen, höchstwahrscheinlich bei der Identifizierung der Leichen nach dem Tsunami, an der Gotthardt und Leonie beide mitarbeitet haben. Erst der Journalist Wasmuth, ein Kollege von Claudia Gotthardt, macht Leonie auf ein anderes mögliches Motiv aufmerksam: Claudia hatte zu Bestechungen und Veruntreuungen von Geldern rund um die Tsunami-Hilfe recherchiert. Ganz nebenbei beginnt Leonie eine Affäre mit Wasmuth, obwohl sie eigentlich mit einem Hamburger Kollegen liiert ist. Der es aber mit der Treue auch nicht so genau zu nehmen scheint.

Folter

Doch die Morde am Ehepaar Gotthardt gehören eigentlich gar nicht zu den Mordfällen, um die es in diesem Krimi laut Titel vorrangig geht. Ein Zahnarzt, der scheinbar mit seinen eigenen Instrumenten gefoltert wurde und zwischendurch Schmerzmittel erhielt, stellt eine interdisziplinäre Gruppe von Ermittlern, zu denen auch Leonie gehört, vor Rätsel. Auch er war an der Identifizierung von Tsunami-Opfern beteiligt – eine vielversprechende Spur? Doch ein weiterer Toter, ein junger Tätowierer, passt dann auf ganz andere Art in ein Schema. Haben sie es mit einem Serientäter zu tun?

Ben

Der Leser ist den Ermittlern in diesem Fall einige Schritte voraus, begleitet er doch den Täter Ben bei der Besichtigung eines gerade geerbten Hauses, nebst verschiedener Einblicke in seine Psyche. Auch Leonie läuft ihm bereits früh im Krimi über den Weg, ohne ihn allerdings bewusst wahrzunehmen: Als „grüner Herr“ arbeitet er ehrenamtlich im Krankenhaus, als Leonie dort ein Opfer untersucht.

Nazis

Das einsam gelegene Haus außerhalb Berlins hat Ben von seiner Tante geerbt, bei der Gelegenheit erfährt er auch, dass sein tot geglaubter Großvater noch lebt und Ben ihn besuchen muss, wenn er das Haus tatsächlich behalten will. Ben recherchiert und erfährt von der Nazi-Vergangenheit seines Großvaters, gleichzeitig erhält er Kaufangebote für das Haus, dem der Interessent durch einen Schlägertrupp von Neonazis Nachdruck verleihen lässt. Das Motiv für Bens Morde erschließt sich allerdings auch dem Leser erst nach und nach.

Theo Abramowsky

Leonie versucht, Claudias Recherchen nachzuvollziehen und spricht mit einigen der Menschen, von denen Claudia etwas erfahren haben könnte. Dazu gehört auch Theo Abramowsky, der seltsam abweisend wirkt. Als Leonie über die Vermisstenmeldung einer Sina Rauscher-Abramowsky stolpert, vermutet sie gleich einen Zusammenhang. Tatsächlich findet sich bald die Leiche der jungen Frau, auch sie wurde ermordet. Aber warum? In die Serie der anderen Opfer passt sie nicht.

Michael

Schon früher im Buch kommt Leonie auf einmal auf die Idee, ihr Bruder Michael könne eine Explosion vor ein paar Jahren doch überlebt haben, und sie macht sich auf die Suche nach ihm. Mit Hilfe eines Drahtes in die „Unterwelt“ hat sie erstaunlich schnell den Kontakt zu ihrem verschollenen Bruder hergestellt, der wichtige Informationen zu Theo Abramowsky beisteuern kann. Sie werfen ein ganz neues Licht auf diesen Fall.

Tante Charlotte, Max und noch mehr

Zu den vielen Fällen, die vielleicht auf verschlungenen Wegen miteinander in Verbindung stehen könnten – oder auch nicht … – kommen noch einige weitere Handlungsstränge. Leonies Tante Charlotte scheint dabei zu sein, auf einen jungen Betrüger hereinzufallen. Sollte Leonie sie warnen? Leonies Patenkind Max sucht bei ihr Hilfe, weil er mit seinem neuen Stiefvater nicht klarkommt. Doch dass Max bei ihr wohnt, kommt für Leonie natürlich nicht infrage, doch was kann sie tun, um alle zu retten? Der Journalist Wasmuth, mit dem sich Leonie eingelassen hatte, durchsucht heimlich ihre Wohnung, wodurch er sich natürlich als Liebhaber disqualifiziert hat, jedenfalls vorläufig. Der Hamburger Freund beendet die Beziehung mit Leonie, nachdem sie bereits viele Anzeichen ignoriert hatte. Nebenbei muss Leonie auch noch die Entscheidung fällen, ob sie sich demnächst um die Leitung der Hamburger Rechtsmedizin bewerben will, wie es eigentlich ausgemacht war.

Zu viel auf einmal

Dr. Leonie Simon arbeitet also als Rechtsmedizinerin in der Charité, gehört einem Arbeitskreis zur Klärung besonderer Fälle an, hält ganz nebenbei Vorlesungen, ermittelt in diversen Mordfällen, kümmert sich um ihre Tante, um ein Patenkind, um verschiedene andere Opfer, sie wird betrogen, verlassen, mit dem Messer bedroht, entführt … Das ist alles schrecklich viel für ein einziges Buch, auch wenn es knapp 500 Seiten umfasst. Die Autorin scheint eine realistische Darstellung anzustreben, wenn auch die privaten Probleme der Detektivfigur eine Rolle spielen und eine Alarmanlage nervt, wenn eine Messerattacke auf Leonie glimpflich ausgeht. Dazu kommen teilweise sehr interessante psychologische Erklärungen und auch intelligente Überlegungen der Rechtsmedizinerin, sodass die Handlung nicht oberflächlich auf action aus ist. Glaubwürdig ist so viel zu viel allerdings überhaupt nicht mehr. Und der Schluss führt eigentlich ins Tal der seichten Schmonzetten.

Konzentration auf den Schmerz

Wirklich sehr gut gelungen ist dagegen die Geschichte um Ben, die Einblicke in seine gestörte Psyche, das Kennenlernen seines höchst eigenwilligen Großvaters. Es ist sehr schade, dass dieser Teil so zugedeckt wird von vielen anderen verwirrenden Geschichten, dass er beinahe untergeht. Die stärkere Konzentration auf den Plot um Ben, also auf die tatsächliche Titelgeschichte, hätte dem Krimi sehr gut getan!

Renate Kampmann. Fremder Schmerz. Berlin: List, 2008. (Leonie Simon, Bd. 4)

Weitere Informationen

Fremder Schmerz bei LovelyBooks
Renate Kampmann bei Wikipedia

Weitere Artikel und Rezensionen

Maike Pfalz bei Buchwurm.info (7.5.2008)

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ein Kommentar

  1. Hat dies auf bikMAG rebloggt.

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