Ali Smith. Die Zufällige (dt. 2006)

Smith, Ali. Die ZufälligeFamilie Smart, eigentlich in London zuhause, verbringt die Ferien in einem gemieteten Haus in Norfolk, in einem Dorf, in dem es nichts gibt, was in London zum Standard gehört. Astrid und Magnus, Mutter Eve und Stiefvater Michael – jeder verbringt die Zeit auf seine Weise, mit seiner eigenen Agenda. Bis Amber auftaucht. Irgendwann ist sie einfach da. Keiner der Smarts weiß wieso und keiner fragt die junge Frau.

Der Roman Die Zufällige folgt einer strengen Ordnung: Drei Teile, „Der Anfang“, „Mitte“, „Das Ende“. Innerhalb jedes Teils kommt jede der Personen zu Wort, Astrid, Magnus, Michael, Eve, Amber. Jeder erzählt aus seiner Sicht von den Ereignissen, gewährt Einblicke in die eigenen Kopfwelten – außer Amber, der „Zufälligen“, dem geheimnisvollen und charismatischen Gast.

Astrid, die Tochter

Astrid, die zwölfjährige Tochter, sieht die Welt durch den Sucher ihrer Kamera. Sie filmt ihre Wirklichkeiten, will sie festhalten, Beweismaterial schaffen, dokumentieren. Das Ferienhaus ekelt sie an, das Dorf liegt für sie mitten im Nirgendwo, nicht nur geografisch, sondern auf ihrer sozialen Landkarte. Amber zerstört Astrids Kamera, zeigt ihr aber vorher auch, wie das Leben in der Umgebung aussieht, was real ist und was Freundschaft sein kann.

Magnus, der Sohn

Magnus, der 17-jährige Sohn, durchlebt gerade heftigste Schuldgefühle, weil er an einem sehr misslungenen „Scherz“ beteiligt war, der eine Mitschülerin in den Selbstmord trieb. Er leidet in einem Ausmaß, bis auch er seinem Leben ein Ende setzen will. Amber ist es, die ihn zufällig kurz vorher findet und von seinem Plan abbringt. Sie bietet ihm seine ersten sexuellen Abenteuer als Ablenkung, natürlich sehr effektiv.

Michael, der Stiefvater

Michael Smart, Dozent für Literatur und notorischer Verführer hübscher Studentinnen, kämpft mit der Unzufriedenheit. Sein Urlaubsdomizil ist nicht „in“, er kann mit den Kollegen gar nicht mithalten. Die Studentinnen sind keine echten Eroberungen, keine Herausforderungen mehr. Seine Ehe ist ihm selbstverständlich geworden, die Kinder kommen ihm merkwürdig vor, er hat den Bezug verloren. Die faszinierende Amber lockt ihn, berührt ihn, wie es schon lange niemand und nichts anderes mehr geschafft hat. Er schwärmt für sie gar in Sonetten. Erfüllung findet sein Verlangen nicht.

Eve, die Mutter

Eve ist Autorin einer Reihe von Büchern, die für Tote ein Leben erfindet. Wie hätte das Leben aussehen können, wenn es nicht an dem Tag, in diesem Krieg, in jeder Revolution, geendet hätte? Eine Schreibblockade hindert Eve in diesem Urlaub an der Arbeit, sie verbirgt sie angestrengt vor ihrer Familie. Als einzige in der Familie hinterfragt sie Ambers Anwesenheit schon früh, unternimmt aber auch (erst einmal) nichts gegen sie. Obwohl Amber ihr gegenüber meist schroff und provokant auftritt. Am Ende des Mittelteils ist sie es, die Amber rauswirft, als sie sieht, welch großen Einfluss sie auf die anderen Familienmitglieder hat.

Amber, die Zufällige

Amber bleibt in ihren „Redezeiten“ geheimnisvoll und wirr, Fakten erhält der Leser keine. Ihre Berichte gleichen wilden Fantasien quer durch die Filmgeschichte. Dass sie in einem Kino namens „Alhambra“ gezeugt wurde, scheint die einzige Grundlage ihrer Existenz zu sein.

Jedem einzelnen Teil gibt Ali Smith eine besondere Sichtweise und Sprache, die genau zur Figur passt, den Charakter deutlich werden lässt, den Menschen lebendig. Und den Leser dabei fesselt und fasziniert.

Auch die Handlung ist auf jeden Fall ungewöhnlich. Die verführerische Amber wirkt wie ein Katalysator in der Familie, sie legt den Finger in Wunden, aber sie verfolgt auch einen eigenen Plan, wie der Leser im letzten Teil erfährt. Hier taucht Amber nicht mehr als handelnde Person auf, aber ihre Nachwirkungen sind spürbar, sie ist als Erinnerung allgegenwärtig, sie hat die Menschen verändert.

……….

Autorin Ali Smith wurde 1962 in Inverness, Schottland, geboren und lebt jetzt in England. Sie war Dozentin für Literatur, bevor sie mit dem Schreiben begann. Mit ihren Kurzgeschichten, Gedichten und Romanen hat sie zahlreiche Preise gewonnen. 2015 wurde sie zum Commander of the Order of the British Empire (CBE) ernannt.

The Accidental wurde gelistet für den Man Booker Prize 2005 und ist Sieger des Whitbread Novel of the Year Award 2005.

Ali Smith. Die Zufällige. München: Luchterhand Literaturverlag, Hardcover 2006, paperback 2009, ebook 2016. | Original: The Accidental. London: Hamish Hamilton, 2004. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz

Danke für das Rezensionsexemplar an RandomHouse!

Weitere Informationen

Verlagsseite zur ebook-Ausgabe
Ali Smith auf Wikipedia

Weitere Artikel und Rezensionen

Elke Schmitter: „Verführung durch den Gast“. Spiegel online (2.10.2006)
Thomas David: „Gefühle im Nichts“. Zeit online (9.11.2006)
auf literaturinnen (24.3.2009)

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One comment

  1. Hat dies auf bikMAG rebloggt.

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