Delphine de Vigan. Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin (dt. 2010)

Vigan, Delphine de. 2009. Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin (156x250)Mathilde, Witwe mit drei Söhnen, fährt am 20. Mai wie jeden Tag quer durch Paris zur Arbeit und später wieder zurück. Thibault ist als Arzt der Urgence Médicale jeden Tag auf den Straßen von Paris unterwegs, fährt von einem Patienten zum nächsten. Zwei Menschen kurz vor dem Zusammenbruch, verwundbar, längst verletzt.

Mathilde arbeitet in einem großen Konzern, war Marketingchefin, bis eine unbedachte Äußerung ihren Chef gegen sie aufbringt. Fortan mobbt er sie, informiert sie nicht mehr, schließt sie aus Besprechungen aus, der Arbeitsplatz ist für Mathilde zur Hölle geworden. Auf der Suche nach Hilfe geht sie sogar zu einer Wahrsagerin, die ihr für den 20. Mai eine schicksalhafte Begegnung verkündet. Mathilde würde so gerne noch hoffen.

Der Schicksalstag

Doch an diesem 20. Mai, von dem der Roman berichtet, erreichen die Schikanen einen Höhepunkt, Mathilde wird ein kleines Kabuff als neues Büro zugewiesen. Die Personalchefin will ihr helfen, möchte eine Versetzung arrangieren, ihr Chef weiß auch das zu verhindern. Kurz vor dem Zusammenbruch kündigt Mathilde, bevor sie sich nach Hause schleppt.

Auf der Straße

Der Arzt Thibault beendet an diesem 20. Mai die Affäre mit Lila, der Frau, die sich von ihm nur lieben lässt. Auch Thibault steht unter Druck, seine Arbeit, bei der er immer auf den Straßen der Stadt unterwegs ist, von einem Patient zum nächsten, laugt ihn aus, macht ihn fertig. Er kämpft ums Durchhalten, fragt sich, warum er noch mal nach Paris gekommen war.

Füreinander bestimmt?

Die Schicksale der beiden Menschen im Moloch Großstadt sind sehr ähnlich, ihre Gefühle und Gedanken gleichen sich, bis hin zur selben Wortwahl der Autorin. Der Leser wartet auf die Begegnung der beiden, die unausweichlich scheint, zwei Lebensbahnen, die aufeinander zuzusteuern scheinen an diesem 20. Mai. Einmal verpassen sie sich knapp, gegen Abend endlich sitzen sie sich in der U-Bahn gegenüber – und verlieren sich wieder aus den Augen. Eine flüchtige Begegnung, bevor beide weiter ihre Bahnen ziehen.

Detaillierte Beschreibungen und Analysen

Delphine de Vigan beschreibt die Tage von Mathilde und Thibault in allen Details, ihre Schritte, ihre Gedanken, ihre Sorgen, die Ängste, die Panik. Sie bringt dem Leser die beiden Menschen nahe, lässt den Leser mitfühlen, mitleiden, kann die langsame Steigerung der Schikanen des Chefs glaubhaft machen. Der Roman lässt den Leser betroffen von den Schicksalen zurück, aber mit dem guten Gefühl, einen hervorragenden Roman gelesen zu haben. Und eine letzte Hoffnung bleibt, dass sich Mathilde und Thibault doch noch über den Weg laufen könnten …

Delphine de Vigan wurde 1966 geboren und lebt in Paris. Ihre Romane wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

Delphine de Vigan. 2009. Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin. München: Droemer, 2010. | Original: Les heures souterraines. Paris: 2009. Übersetzung Doris Heinemann

Weitere Informationen

Verlagsseite der fr. Ausgabe (JC Lattès)
le livre sur Babelio (fr.)
le livre sur Wikipedia (fr.)
Verlagsseite zur deutschen Ausgabe bei Droemer Knaur
der Roman bei LovelyBooks
Delphine de Vigan auf Wikipedia (dt.)

Weitere Artikel und Rezensionen

Birgit Koß: „Zwei akribische Nahaufnahmen“, Deutschlandradio Kultur (15.10.2010)
Tanja auf Private Readers Book Club (20.3.2011)

 

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ein Kommentar

  1. Hat dies auf bikMAG rebloggt.

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